Vortrag von Dr. Peter Funken, Berlin gehalten im BWA Krakau, Oktober 2005
Der Vortrag zeichnet die Rezeption der polnischen Kunst seit den 1960er Jahren vor allem für die ehemalige Bundesrepublik sowie für das nach 1989 vereinigte Deutschland nach.
Beginnend mit den frühen Vermittlungs- und Ausstellungsaktivitäten von Prof. Dieter Honisch- zuerst im Folkwang Museum Essen und später in der West-Berliner Neuen National-Galerie sowie den wichtigen künstlerischen Vermittlungsarbeiten und Brückenschlägen von Joseph Beuys- Thomas Lenk und Günther Uecker- bis hin zu den sich rasch erweiternden Möglichkeiten- die mit dem politischen Umschwung in Polen seit Mitte der 1980er Jahre und der „Wende“ von 1989 zu neuen Formen der Rezeption polnischer Kunst und im Umgang mit dieser in Deutschland führten. Dabei werden Sammler und Sammlungen - wie zum Beispiel jene von Herrn Manfred Kluckert, Stauffen, Herrn Willy G. Asperger, Maulbronn, oder Herrn Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski (Museum Modern Art) in Hünfeld genauso erwähnt, wie die engagierte Arbeit von polnischer Seite, etwa von Richard Stanislawski, Anda Rottenberg Jaromir Jedlinski oder Anna Maria Potocka, um nur einige Namen zu nennen. Ebenfalls soll an Beispielen von in Deutschland lebenden Künstlern und Vermittlern, wie etwa Roland Schefferski, Witek Marcinkiewicz oder Piotr Olschowka gezeigt werden, wie Künstler und Vermittler aus Polen in Berlin leben und welche Chancen sich für die polnische Kunst in Deutschland für die nähere Zukunft auftun.
Meine Damen sehr verehrten Damen und Herren,
der folgende Vortrag behandelt ein Thema der jüngeren Kunstgeschichte, ein Thema, das zwar einen Anfang hat - und dieser liegt in den 60er Jahren des letzten - des 20. Jahrhunderts - dieses Thema hat aber bislang keinen Abschluss, und das ist gut so, denn es handelt sich um eine offene und hoffentlich positiv weiter schreitende Entwicklung - ich meine jene, die das Verhältnis zur polnischen Kunst in Deutschland betrifft, ein Thema, das offen ist und bleibt und eigentlich sehr optimistisch stimmen kann und darf.
Wenn ich im Folgenden von Polen spreche oder von Deutschland, so ist dies nach meiner Auffassung ein wenig erklärungsbedürftig, denn zum Beispiel ist Deutschland heute für mich ein Staatsgebilde, das territorial die ehemalige DDR und die ehemalige Bundesrepublik - auch Westdeutschland genannt - umfasst. Eigentlich kann ich nur über die Beziehung der Westdeutschen und Westberliner zur polnischen Kunst sprechen, denn ich bin selber ein Westdeutscher, der seit langer Zeit in Berlin lebt, zuerst und bis 1989 in West-Berlin und seitdem in der neuen Hauptstadt Berlin. Während man in der alten Bundesrepublik immer von der Bundesrepublik oder auch von Deutschland sprach, waren wir West-Berliner damit etwas genauer und sagten entweder: Die Bundesrepublik oder noch eher West-Deutschland - eine Formulierung, die die von West-Berlin aus betrachteten West-Deutschen nur selten über die Lippen brachten. Ich kann also aufgrund meiner Erfahrungen wenig zum Verhältnis der Ost-Deutschen oder DDR-Bewohner zur polnischen Kunst sagen, aber durchaus etwas aus der Sicht eines West-Berliners und West-Deutschen.
Ich spreche an dieser Stelle so ausführlich darüber, weil sich da bis heute durchaus große Unterschiede in der Wahrnehmung - und nicht nur der polnischen Kunst auftun können.
Und nun zu Polen:: Über Polen kann ich aus eigener Anschauung durchaus etwas sagen, aber auch hier muss ich einschränken, dass ich Polen insbesondere in den 90er Jahren kennen gelernt habe - das ist für mich wichtig zu sagen, damit Sie alle aus ihrer Perspektive die meinige etwas besser begreifen können. Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass ich eben eine besondere Wahrnehmung von Polen und einen besonderen Blick auf die polnische Kunst bekommen habe und dergestalt nicht alles und jedes über die kulturpolischen Verhältnisse in Polen und zwischen den beiden Staaten weiß und wissen kann. Soweit meine Darlegungen zu Anfang und jetzt möchte ich tatsächlich in das Thema einsteigen.
Thema dieses Vortrags ist die Rezeption der polnischen Kunst in Deutschland - es geht also darum, wie die Kunst des Nachbarlandes Polen in Deutschland wahrgenommen wurde und wird. Bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, dass damit keine völlige Einbahnstraße gemeint sein kann - ich meine das Bild wird schief und falsch, wenn man sagt, dass die Kunst Polens in Deutschland so und so wahrgenommen wird, denn wie auch immer , durch eine Rezeption wird auch in der Gegenrichtung eine Wahrnehmung stattfinden und an sich findet somit mit jeder Rezeption auch eine Kommunikation statt zwischen dem, der rezipiert wird und jenem, das rezipiert wird - ich denke dies gilt es zu beachten.
Es geht also keineswegs um Einbahnstraßen bei der Rezeption, sondern um ein Hin und Her in der Bewegung und Wahrnehmung der Kunst und eine Persönlichkeit, die für die Rezeption polnischer Kunst in Deutschland durchaus wichtig war, ist der mittlerweile 75 jährige Künstler Günther Uecker, der mit seinem Biennale,Beitrag von 1971 im Muzeum Stzuki in Lodz als erster Künstler aus dem Westen eine Ausstellung erhielt. Mit dieser Ausstellung eines Deutschen in Polen beginnt ein Stück öffentlicher Wahrnehmung der Kunst aus Polen in Deutschland, in jedem Fall ist dies mein Eindruck gewesen, der ich damals im TV einen Bericht über die Aktion Ueckers in Lodz gesehen habe und plötzlich ein Interesse an Polen erkannte. Man sieht also, dass die Künstler unter Umständen diejenigen sind, die Kanäle graben und öffnen, die Kontakte stiften und daraus entsteht ein Interesse, ein Kennenlernen und Wahrnehmen und daraus entstehen letztlich erst die Möglichkeiten der Veröffentlichung von Kunst im Sinne von Ausstellungs, und Sammlungsaktivitäten.
Die wirklich großen und zentralen Ereignisse im Wandel der Rezeption polnischer Kunst in Deutschland finden nach meiner Meinung aber viel später statt - Jahrzehnte später und hängen eindeutig mit der politischen Veränderung und dem Niedergang der kommunistischen Systeme in Ost, und Mittel,Europa zusammen.
Diese Veränderungen in der Politik führten schon bald zu neuen Abmachungen und Vertragswerken und hier ist vor allem die mit dem überaus positiven "Vertragswerk vom 17. Juni 1991 über gute Nachbarschaft und freundliche Zusammenarbeit" zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik, Polen zu nennen, denn damit war eine vertragliche Basis für die kulturelle Zusammenarbeit zustande gekommen, die die Wahrnehmung der Kunst aus Polen in Deutschland förderte. Zusätzlich begünstigt wurde die Entwicklung durch die nun mehr vielen Menschen zur Verfügung stehenden modernen Kommunikationssystemen und vor allem durch die Freizügigkeit beim Reisen, so dass man durchaus von einer Ära vor 1991/92 und einer Ära nach 1991/92 sprechen kann.
Aber vorher gab es bekanntlich auch in Zeiten des so genannten Eisernen Vorhangs Wege für polnische Künstler in Deutschland wahrgenommen zu werden. Dies waren vor allem zwei Wege:
1)
Die Unterstützung durch das polnische Ministerium für Kultur und Kunst zum Kulturaustausch, sowie offizielle Einladung durch deutsche Verbände oder Institutionen, die an polnische Künstler ergingen in der BRD auszustellen
und:
2)
Möglichkeiten, die aufgrund von privaten Kontakten, etwa mit Hilfe polnischer Emigranten, westlicher Künstler, Galeristen und Kuratoren wie auch durch die katholische Kirche eröffnet wurden.
Aber all diese Initiativen waren insgesamt nicht zu weit und breit gestreut und die privaten Möglichkeiten hatten dabei auch immer ihre Grenzen. Dies nun hat sich vom Ansatz her durchaus geändert und so kann man heute wahrnehmen, dass es ein großes Interesse an der Kunst aus Polen in Deutschland gibt, wobei man einschränkend bemerken muss, dass sich dieses Interesse vorrangig bei Kunstexperten und -interessierten zeigt, wie auch vorrangig an einer speziellen, avancierten Gruppe von Künstlern aus Polen richtet. Auch ist es wichtig zu bemerken, dass die Begriffe "Polen" und "polnisch" hier eigentlich eher im Sinne eines regionalen denn eines nationalen Charakteristikums zu begreifen sind, denn Gegenwartskunst zeigt heute eine internationale und keine nationale Ausdruckssprache und dem entsprechend wird jede nationale Festlegung ein Ausweis dafür sein, dass man nicht am internationalen Kunstgeschehen teilhat - gleichfalls besitzt auch die Internationale der Kunst immer zahlreiche regionale Facetten, ohne die sie keine Basis hätte und in diesem Sinne gibt es immer wieder Referenzen auf spezielle gesellschaftliche und kulturelle Kontexte in der jeweiligen Kunstentwicklung verschiedener Länder und Regionen. In diesem Sinne gehört das Regionale und Lokale - ich möchte fast sagen das Anti,Moderne integral zur Moderne mit dazu.
Polnische Künstlerinnen und Künstler, die seit längerer Zeit im Kontext deutscher Ausstellungen in Galerien, Museen und anderen Institutionen immer wieder erscheinen, genannt werden und auch am Markt präsent sind, sind Roman Opalka, Magdalena Abakanowicz, Miroslaw Balka, Leon Tarasewicz, Edward Dwurnik wie auch in den letzten Jahren Pawel Althamer. Pawel Althamer erhielt vor kurzer Zeit einen angesehenen deutschen Kunstpreis, er verbrachte als Stipendiat eine Zeit im Berliner Künstlerhaus Bethanien. Neben solchen Künstlern, die ja keineswegs nur in Deutschland sondern absolut international wahrgenommen werden, gibt es einige polnische Künstler, Kuratoren und Journalisten, die seit längerem zum Beispiel in Berlin leben und arbeiten wie etwa der Maler Joachim Reck, der Installationskünstler Roland Schefferski, der auch als Kurator arbeitet, der Zeichner Witek Marcinkiewicz oder der Journalist und Kunstexperte Piotr Olszowska. Besonders Joachim Reck und Roland Schefferski sind sozusagen Wanderer zwischen den Welten und organisieren immer wieder Kontakte und Ausstellungen in beiden Ländern, während Witek Marcinkiewicz zwar immer noch Kontakte nach Polen hat, sein Lebenszentrum und Arbeitsfeld jedoch eindeutig in Berlin liegt. Piotr Olzwoska ist Autor und Journalist und Kenner der polnischen Kunst, die er auf hohem intellektuellem Niveau in Berlin zu diskutieren weiß. In diesem Zusammenhang ist auch das polnische Kulturzentrum, das mittlerweile in einem sehr repräsentativen Gebäude nahe der Museumsinsel seinen Ort hat, zu nennen. Im polnischen Kulturzentrum werden immer wieder hervorragende Ausstellungen gezeigt und insbesondere in den letzten Jahren ist es zu einem Anlaufspunkte für viele Kunstinteressierte geworden ist.
Neue junge Künstler aus Polen, die in den allerletzten Jahren in Deutschland mit Erfolg ausstellen, sind zum Beispiel der Maler Zbigniew Rogalski, der soeben eine Ausstellung im Kunstverein Göttingen hatte, wie auch Wilhelm Sasnal, Marcin Maciejowski und Rafal Bujnowski - allesamt sehr interessanteste Newcomer des polnischen Kunstfelds.
Der Künstler Cezary Bodzianowski stellte in diesem Frühjahr im Kölnischen Kunstverein aus und entwickelte dafür eine besondere und Aufsehen erregende Konzeption in Köln, denn er ließ den Kunstverein eigentlich leer, es gab keine Exponate zu sehen, denn Bodzianowski zeigte eine installative Arbeit im Außenraum, die darin bestand, das im Kunstverein nur das Angehen der Lampen auf der gegenüberliegen Häuserseite registriert wurde.
Bei solchen, eher jungen Künstlern aus Polen fällt auf, wie sehr sie mit der Sprache internationaler Kunst operieren und wie ähnlich mittlerweile ihr "Sound" dem der Künstler aus anderen europäischen Ländern geworden. Dies war zu Beginn der 90er Jahre, als ich zum ersten mal nach Warschau und Krakau kam, noch durchaus anders - damals konnte man Kunst aus Polen geradezu am einfachen oder armen Material erkennen oder an einer besonderen Art der Widerständigkeit - zum Beispiel bei einem Künstler wie Marek Chlanda oder auch bei Miroslaw Balka, der vor kurzem eine große Ausstellung in der Berliner Galerie Nordenhake hatte.. Es gab natürlich zu Beginn der 90er Jahre und bereits vorher eine ausdrückliche Tradition des Konkreten, die sich über Stazewski und andere vermittelt hatte und in Deutschland ebenfalls als "typisch polnisch" bezeichnet wurde, obwohl es auch in Deutschland diese Kunstform gab - und gibt. Die Wahrnehmung der polnischen Kunst blieb bis in die 8oer Jahre aber vor allem punktuell - das heißt man kannte Namen wie Strezeminski und Kobro, Berlewi und Stazewski, man wusste von Tadeusz Kantor und möglicherweise war auch der Name Fangor ein Begriff , aber viel mehr war nur wenigen bekannt - die Menschen in der Bundesrepublik verbanden mit visueller Kunst aus Polen vor allem Plakatkunst.
Um es ganz deutlich zu sagen, Kunst aus Polen wurde bis in die 90er Jahre in Deutschland eindeutig als Kunst aus einem kommunistischen oder einem zumindest bis vor kurzem kommunistischen Land wahrgenommen. In der Folgezeit nahm man Kunst aus Polen dann als Kunst aus einem postkommunistischen Land wahr, und nur allmählich lösen sich die Epitita "kommunistisch" beziehungsweise "postkommunistisch" von der Kunst aus Polen ab und man beginnt die Arbeiten der einzelnen Künstlerinnen und Künstler wahrzunehmen und zu sehen. Wichtig für diese Veränderung in Hinblick auf die Wahrnehmung der Kunst aus Polen sind die konkreten Ausstellungen von polnischen Künstlerinnen und Künstlern, also die Rezeption von individuellen Leistungen in der Kunst.
Diese hatte es natürlich auch vorher gegeben - zu Zeiten des "Eisernen Vorhangs" - aber aufgrund der Ideologien und ihrer Relevanz für die öffentliche Meinungsbildung wurde Kunst aus Polen eben unter dem Verdikt "kommunistisch" eingestuft. Natürlich gab es Ausnahmen und es gab spezilaisiertes Wissen, etwa bei und durch dem kürzlich verstorbenen Berliner Museumsdirektor Dieter Honisch, der in den 70er Jahren in der Stadt Essen arbeitete und etwa Tadeusz Kantor, Kobro und Strzeminski ausgestellt hatte. Auch war mit dem Museum in Bochum in Deutschland eine Institution vorhanden, die dezidiert Kunst aus Ost, und Mitteleuropa gesammelt hat, wie auch ein weiteres Museum - die Ostdeutsche Galerie in Regensburg, die während des "kalten Krieges" den Auftrag hatte, Kunst von Künstlern zu erwerben, deren Geburtsort in den Ländern des so genannten Ostblocks, also auch in Polen lag.
Tadeusz Kantor hatte zum Beispiel bereits vor 1989 in Berlin ausgestellt und vor allem als Theatermann gewirkt, er war sehr bekannt gerade bei jungen experimentierfreudigen Menschen , aber es waren eben nur einige, wenige Personen, die den Schritt in den Westen erfolgreich taten oder tun konnten und nur wenige deutsche Museumsleute wagten einen Blick nach Osten - und wenn, dann war man in Zeiten des "Kalten Krieges" in Westdeutschland eher an der Kunst aus der DDR interessiert, und weniger an der Kunst aus anderen Ländern des RWG.
Unmittelbar nach der politischen Wende von 1989 begann eine ausgesprochen intensive Beschäftigung mit der Kunst aus Polen in Deutschland - so fanden zahlreiche Ausstellungen seit 1990 statt, die zwar nicht alle ausschließlich Kunst aus Polen zeigten, aber durchaus einen Schwerpunkt bei dieser Kunst sahen.
Gerrhard Lenz aus München besitzt u.a. 10 Arbeiten von Roman Opalka.
Der Berliner Rechtsanwalt Arnold Heidemann, der in Schlesien geboren wurde, sammelt ausschließlich Kunst aus Polen und besitzt zahlreiche Arbeiten von Henryk Stazewski, Wojciech Fangor, Ryzard Winiarski, Mciej Sznkowski und Janusz Eysmont.
Manfred Kluckert (Licht, Raum, Zahl / Light, Space, Amount, Ausstellung Nürnberg 2000).
Je an die 30 Arbeiten von Berdyzak, Gierwoski und Winiarski.
Kluckert besitzt ebenfalls Arbeiten von Stazewski, Stanislaw Fijalkowski, Jan Tarasin, Jerzy Stajuda, Wlodzimierz Kun, Tomasz Tatarczyk, Jacek Waltos und Jan Sroka.
Patrick Schmidt lebt in Hamburg und besitzt 500 Werke polnischer Künstler - Bilder und Skulpturen von Stazewski, Sosnowski, Winiarski, Hasior, Nowosielski, Sroka, Opalka, Berdyszak, Tarasin, Dwurnik und andere. Wie Kluckert ist Schmidt mit einer Polin verheiratet und zählt wie Kluckert zu den Kennern der polnischen Kunstszene und besitzt auch Arbeiten der polnischen Vorkriegsmoderne, etwa von Witkacy, Berlewi und sogar Strezeminski.